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Review Takeshi Kovacs Trilogy

Richard K. Morgan’s Takeshi Kovacs Trilogie

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Einleitung

Ich habe einige Zeit gebraucht, um zu entscheiden, welch dystopisches mediale Werk ich zum Start von Planet Dystopia zuerst rezensieren könnte. Zahlreiche Kandidaten schwebten mir vor, jedoch führten meine Gedankengänge beständig zurück zur Takeshi Kovacs Trilogie – drei ziemlich erstaunlichen SciFi-Romanen, geschrieben von Richard K. Morgan. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Seit ich 2002 das erste Buch “Das Unsterblichkeitsprogramm” gelesen habe, sind meine Interessen an Cyberpunk, (Neo-)Noir-Detektivgeschichten, den dunkleren SciFi-Ecken und dystopischen Themen im Allgemeinen um einige Größenordnungen gewachsen. Speziell im Vergleich zum ganzen eher unbeschwerten SciFi-Kram, dem ich in meiner Jugend gefolgt bin, was sich oft eher auf der unbeschwerten und (meist zu) optimistischen Seite der Dinge befand.

Nachdem ich das zweite und dritte Buch, “Gefallene Engel” und “Heiliger Zorn”, durch hatte, war ich total “auf Kovacs”. Es ist sogar eine Sucht von mir geworden, die ganze Reihe hin und wieder erneut zu lesen – ich komme stets zurück. Im Laufe des Lebens verändern sich viele Perspektiven und man achtet auf andere Details. Ein wichtiger Aspekt, der mich besonders bei jedem erneuten Besuch dieser Welt begrüßt.

Dieser Beitrag soll zunächst einen groben Überblick über die gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen bieten, die diese einzigartige Trilogie inhaltlich charakterisieren und im Anschluss daran den gleichnamigen Hauptprotagonisten, Takeshi Kovacs, im Speziellen beleuchten.

Also genieß die Fahrt und lass mich wissen, falls du ähnliches empfindest und / oder wenn du noch etwas an Inhalten vermisst. Ich werde etwaige Rückmeldungen in zukünftigen Updates einbauen und diese Rezension von Zeit zu Zeit mit mehr Infos, vor allem zu den drei Romanen im Einzelnen erweitern. Ich erwäge ebenfalls, diese nochmal in getrennten Beiträgen genauer unter die Lupe zu nehmen (ja, ich mag die Reihe wirklich sehr).

Achso, nur zur Information: Werde hier weder eine vollständige Handlung vorlegen noch wichtige Eckpunkte der Handlungsstränge spoilern, also mach dir keine Sorgen über sowas. Diese Rezension dient eher als Einführung in das reichhaltige Universum, das Richard K. Morgan uns mit dieser Trilogie geschaffen hat.

Wenn du mehr über die Biografie von Richard K. Morgan erfahren möchtest, besuche seinen Wikipedia-Artikel. Für weitere Nachrichten und Blogbeiträge von ihm selbst kannst du seine Webseite aufsuchen, wo es übrigens auch gratis Beispiel-Kapitel von allen seinen Arbeiten, auch dieser Trilogie, zum Herunterladen gibt.

Wenn dir das, was du hier liest, gefällt – besorg dir die Bücher, es lohnt sich auf jeden Fall. Ich selbst habe mir sogar mit der Zeit mehrere Versionen geholt (Deutsche, Englische und eBook-Ausgaben), also lieber Herr Morgan, ich glaube, ich habe für einige Ihrer wohlverdienten Wodka-Martinis & Jack Daniels Shots mitbezahlt. Mit Freude, möchte ich hinzufügen. Prost!

Das Universum

Es ist das 25. Jahrhundert, und die Menschheit hat erfolgreich nach den Sternen gegriffen: Langstrecken-Raumfahrt, Überlicht-Kommunikation und zahlreiche andere Technologien sind, wenn auch oftmals teure, Dinge des Alltags. Unzählige Kolonien erstrecken sich ebenso über die Sterne wie der Einfluss der (mittlerweile interstellaren) Vereinten Nationen, die ihre administrative Macht mit verschiedenen Großkonzernen teilen. Neben den zahlreichen Machtkämpfen um politische und ökonomische Macht leisten sowohl sezessionistische Bewegungen als auch kriminelle Konglomerate ihren Beitrag, um der Mischung an Interessenkonflikten weitere chaotische Elemente hinzuzufügen.

Das technologische Wissen der Menschheit ist weit genug fortgeschritten, um die Persönlichkeit durch ein kleines “Cortical-Stack”-Implantat, welches kurz nach der Geburt in der Wirbelsäule des Körpers platziert wird, vollständig zu digitalisieren. Diese Art von hyper-fortgeschrittener Festplatte enthält die Persönlichkeit und alle Erinnerungen, die die einzelne Person im Laufe ihres Lebens gesammelt hat, bis zum Moment des Todes.

Stelle dir das vor, ein nahezu unzerstörbares digitales Gerät, das deine gesamte Persönlichkeit, deinen ganzen Verstand – dein Selbst, Dich – sichert, während du es benutzt. In Echtzeit. Solange es unbeschädigt ist, kann der kortikale Stack selbst oder die Daten, die er enthält (dich) in einen anderen Körper (auch “Sleeve” genannt) übertragen werden. Dies geschieht in einem Prozess der “resleeving” genannt wird. Es spielt dabei keinerlei Rolle, ob der neue Körper im Labor gezüchtet wurde oder “klassisch” biologischer Natur ist. Betroffene Personen, die das Resleeving hinter sich haben, wachen mit ihrem Bewusstsein zu dem Zeitpunkt wieder auf, an dem sie starben. Der Tod hat seine scharfen Zähne verloren, wenn es nicht die dunklen Facetten der menschlichen Natur wären, welche diese und andere Technologie in Werkzeuge der Unterdrückung und der gesellschaftlichen Teilung verwandeln.

Fast jeder auf der Erde und in den verschiedenen, weit verbreiteten Weltraumkolonien, kann sich einen neuen Sleeve leisten – auch wenn es für viele nicht allzu gut begüterte Menschen nur eine sehr billige synthetische Variante wird, wenn der ursprüngliche Körper abgenutzt ist. Der Resleeving-Prozess ist ein ziemlich teurer Prozess, vielleicht ein bisschen komplizierter als der Kauf eines neuen Hauses in diesen Tagen, aber Richard K. Morgans Vision des 25. Jahrhunderts ist es ein recht gewöhnliches Ereignis, das dem durchaus sehr ähnlich ist.

Da sich jedoch nur die Ultrareichen die häufigen Upgrades, das Klonen von künstlichen Körpern und die automatische Backup-Speicherung für den Verstand leisten können, gibt es soziale Spannungen. Auf der einen Seite gibt es die sogenannten “Metas”, die oft mehrere hundert Jahre gelebt haben und sich währenddessen extremen Reichtum und Macht anhäufen konnten, von einem erstklassig gestalteten Körper zum nächsten maßgeschneiderten und spezialisierten wechselnd. Auf der anderen Seite die eher durchschnittlichen Menschen, die entweder noch in ihrem ersten Körper sind oder ein ganzes Leben lang arbeiten müssen, um sich den nächsten billigen, minimalistisch designten Körper leisten zu können, nur um anschließend wieder von vorn zu beginnen.

Menschliche Körper, egal ob sie geboren, geklont, hochwertig entworfen oder nur aus sehr billigen synthetischen Materialien mit unterdurchschnittlichem sensorischem Input gebaut wurden, sind nur “Sleeves”, austauschbares Fleisch – jederzeit bereit, in den Fleischwolf zu wandern. Diese kleine Metallplatte mit den Daten im Hinterkopf, der Stack, das ist die reale Person, das reale Du, alles andere ist austauschbar.

Das direkte Einfügen einer Persönlichkeit vom Stack in eine virtuelle Umgebung, die sogar schneller als Echtzeit laufen kann, ist ebenfalls eine Option, aus der sich fast unbegrenzte Möglichkeiten ergeben – zum Vergnügen und zum Erwerb von Wissen ebenso wie für Folter und Verhöre, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen, es bleiben nur vernarbte Psychen.

Neben den oben genannten kortikalen Stacks, Klon- und VR-Technologien gibt es unzählige weitere Fortschritte und Entwicklungen, wie man es von einer Welt in 500 Jahren auch erwarten kann. Dazu gehören unter anderem Anti-Gravitations- und holografische Technologien sowie die ausgedehnte und fortlaufende interstellare Erkundungen, Reisen und die Kolonisierung weit entfernter Welten.

Takeshi Kovacs – Der (Anti-)Held

Die Hauptfigur, Takeshi Kovacs, wurde auf einer dieser entfernten Kolonie-Welten geboren, weit draußen in den Tiefen des Alls, am Rande der Grenzen des Griffs der Menschen nach den Sternen. Kovacs diente im Militär der Vereinten Nationen und schloss sich dem sogenannten “Envoy Corps” an, einer spezialisierten und gut ausgebildeten (para-)militärischen Einheit, berüchtigt für ihr rücksichtsloses Vorgehen, Entschlossenheit und ihre, auch in diversen mentalen Disziplinen ausgebildeten, Truppen. Diese antrainierten Fähigkeiten zeichnen sich vor allem dadurch aus, vor allem unter sehr hohem Druck zu funktionieren, gravierende Wunden zu verkraften, alle Arten bewussten wie unbewussten menschlichen Verhaltens intuitiv richtig deuten zu können sowie Informationen in erstaunlicher Geschwindigkeit verarbeiten zu können.

Enttäuscht von den Handlungen seiner Arbeitgeber, Feinde und seiner eigenen fragwürdigen Taten beschließt Takeshi, seine Fähigkeiten zu nutzen, um sich selbstständig zu machen. Ständig beschreitet er eine dünne Linie zwischen (halb-)kriminellen Aktivitäten und Söldner-Arbeit für wohlhabende, einflussreiche Menschen und Fraktionen auf der Erde sowie einer Vielzahl anderer Planeten. Infolgedessen und wie alle guten Detektive im Noir-Genre, hat Takeshi Kovacs eine, gelinde gesagt, komplizierte Beziehung mit der Polizei und allen möglichen autoritären Kräften, denen er begegnet.

Neben seinen vielen Problemen mit Autoritäten, selbst auferlegten Depressionen und zahlreichen Persönlichkeitsschwächen ist Kovacs außergewöhnlich bodenständig und schafft es, sowohl einerseits eine müde und zynische Persönlichkeit zu vermitteln, während seine Handlungen andererseits immer noch Hoffnungsschimmer aufkeimen lassen und er von Fall zu Fall gar altruistisches Verhalten an den Tag legt. Takeshis Erfahrungen aus mehr als 250 Jahren objektiven Zeitrahmens, die sich über die gesamte Trilogie erstrecken, lassen einen mit Erstaunen und Ehrfurcht auf einen Menschen blicken, der trotz allem stets weiterlebt, auch nachdem er die Schönheiten und die Schrecken mehrerer Lebenszeiten gesehen hat.

Kommende Netflix-Serie “Altered Carbon”

Die Streaming-Plattform Netflix wird, basierend auf dem ersten Roman von Morgans Takeshi Kovacs-Trilogie, “Altered Carbon”, eine gleichnamige brandneue Serie starten: Am 2. Februar 2018 erscheint die erste Staffel mit zehn Episoden. Erstellt von Laeta Kalogridis mit u.a. Joel Kinnaman, James Purefoy und Martha Higareda in tragenden Rollen.1

Skyline in "Altered Carbon" series, Netflix
Skyline aus “Altered Carbon”-Serie, ©Netflix via IndieWire.com

Laeta Kalogridis bemühte sich um die Verfilmungsrechte an Morgans Roman, kurz nachdem er zu Beginn des neuen Jahrtausends veröffentlicht wurde. Der Titel war jedoch ziemlich schwer zu verkaufen, vor allem, da das Basismaterial nicht an einen bekannten Franchise gebunden war. Aufgrund der recht komplexen Handlung und der futuristischen Umgebung, die viel Aufwand in Bezug auf Spezialeffekte und Filmsets erfordert, wurden die Produktionskosten aus der Sicht der meisten Produzenten als sehr hoch eingeschätzt – viel zu hoch für die meisten Produktionsstudios. Die Einbeziehung von Inhalten des Romans, die Gewalt und Erotik enthalten, hat auch nicht gerade dazu beigetragen, Produktionspartner zu finden. Schließlich entschied sich jedoch Netflix es auszuprobieren und begann 2016 mit der Produktion.2

Am 4. Dezember 2017 veröffentlichte Netflix einen ersten Trailer für die kommende Serie:

Kalogridis gab folgende interessante Antwort, als sie nach den Zielen ihres Teams hinsichtlich Design, Einstellung und Charakteren gefragt wurde:

“Wir versuchten uns vorzustellen, wie eine potentielle, globalisierte Zukunft auf der Erde aussehen würde, mit einer gewissen Menge an technologischem Wandel, einer gewissen technologischen Vertrautheit und einem sehr hohen Grad an menschlicher Vertrautheit.” Laeta Kalogridis3

Fazit

Um es einfach zu halten (lol): Morgans Trilogie ist ein absolut großartiger, raffinierter, hartgesottener (neo-)noir Cyberpunk-Epos in einem futuristischen Setting. Eine kraftvolle Erzählung kombiniert mit düsteren, glaubwürdigen Charakteren, gut konstruierten Intrigen und Handlungssträngen in einem komplexen, facettenreichen Universum.

Es werden immer genügend Informationen präsentiert, um die Handlung am Laufen zu halten und es gibt genug verdeckte Hinweise auf den Plot, sodass man als Leser stets gespannt ist, wie es weiter geht und was sich Takeshi Kovacs wohl als nächstes ausdenkt, um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Die Actionszenen sind gewalttätig, brutal, schnell und schmutzig, einfach wunderbar – die Grausamkeit der geschilderten Handlungen schneidet oft durch Knochen wie durch Butter und lässt viele literarische Konkurrenten aussehen wie einen Kindergeburtstag. Die Trilogie ist definitiv einer meiner Allzeit-Favoriten und ein Muss für jeden, der an zeitgenössischen dystopischen Medien interessiert ist.

JHS

 

[Update 5. Dezember 2017]: Sektion mit Informationen & Trailer über die kommende Netflix-Serie “Altered Carbon” hinzugefügt.

 

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  1. Netflix Original: Altered Carbon. Netflix Infoseite, 2017
  2. Vgl. James Hibberd: Altered Carbon – First teaser trailer for stunning Netflix sci-fi series. Entertainment Weekly, 2017.
  3. Zitat von Laeta Kalogridis aus Adam Starkey’s: Netflix reveals release date and trailer for Altered Carbon – here’s what we know so far. Metro.co.uk, 2017

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