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Metropolis - Feature, UFA Babelsberg 1927

Metropolis (1927): Vorläufer Urbaner Dystopien im Film

Einleitung

Die erste Erinnerung an Fritz Langs “Metropolis”, an welche ich mich erinnern kann, ist eher bizarrer Natur: Anfang der 1990er musste ich einen Arzt aufsuchen und es war bei mir genauso wie bei jedem anderen kleinen Kind: Die Zeit in einem Warteraum zu verbringen war nicht gerade das, was in dem Alter mit Spaß assoziiert wird (man beachte: Es gab noch keine Smartphones oder andere technische Spielereien, auch mein erster GameBoy war damals noch Jahre von mir entfernt). Dieser Arzt war jedoch ein begeisterter Anhänger klassischer Filme, deshalb zierten verschiedene Vintage-Drucke  verschiedener Filmklassiker die Wände seines Wartezimmers. Diese Werke fand ich sehr interessant und wanderte dementsprechend durch den Raum, jedes Detail dieser Kunstwerke prüfend. Unter all diesen schönen Stücken der Filmgeschichte gab es jedoch diesen einen bestimmten Druck, der mich am meisten faszinierte:

 

Metropolis - Artwork by Werner Graul 1927, UFA Babelsberg
Metropolis – Basic Artwork by Werner Graul, 1927, UFA Babelsberg

 

Alle möglichen Gedanken und Fragen gingen mir durch den Kopf: Wer ist diese Frau? Wo ist sie? Reist sie durch den Weltraum? Was ist mit ihr passiert? Welche Art von Gerät trägt sie? Ist sie Gefangene oder wird sie vor etwas beschützt? Was ist los mit ihrer seltsamen Hautfarbe? Ist es nur die Beleuchtung? Ist sie denn überhaupt ein Mensch? Mein Verstand drehte sich.

Erst einige Jahre später fand ich Antworten auf diese Fragen. Ich habe mich oft gefragt, ob mein früher Beginn von SciFi-Konsum und anderen verwandten Genres, zum Teil auf diese langen Stunden in einem willkürlichen Wartezimmer zurückzuführen sind. Ein Kind, das den Vintage-Print eines Stummfilms aus den 1920er Jahren anstarrt – ein Artefakt aus einer fernen Vergangenheit, das lange vor dem Kind oder gar seinen Eltern die Bühne des Weltkinos betrat.

Es stellte sich heraus, dass ich nicht die einzige Person war, die von künstlerischen Elementen aus Metropolis fasziniert worden ist: Der Film war zu seiner Zeit bahnbrechend und hat über die verschiedenen Jahrzehnte hinweg alle Arten von kulturellen Künsten und Werken beeinflusst. Im Laufe dieses Artikels werde ich versuchen, einen Überblick über die Handlung des Films sowie seine visuellen Eindrücke zu geben. Anhand einiger exemplarischer filmischer Arbeiten möchte ich zugleich versuchen aufzuzeigen, wie stark urban-dystopische Medien davon beeinflusst worden sind. Ich wünsche viel Vergnügen bei der Lektüre!

 

Kurze Zusammenfassung von Metropolis & Trailer

Irgendwann in der Zukunft1: Johann “Joh” Fredersen (Alfred Abel) ist der Vordenker von Metropolis, einer futuristischen Hightech-Stadt. Unter der Oberfläche dieses urbanen Giganten führen Massen von Arbeitern eine archaische, sklavenähnliche Existenz, um den dekadenten Lebensstil der oberen Klasse darüber zu unterstützen. Freder Fredersen (Gustav Fröhlich), Johs Sohn, ist Zeuge dieser unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen. Er rebelliert gegen seinen despotischen Vater, nachdem er in den Katakomben der Stadt eine spirituelle Gemeinschaft entdeckt: Eine junge Frau namens Maria (Brigitte Helm) predigt einer wachsenden Zahl von Arbeitern über die Tugenden von Liebe und Versöhnung. Joh Fredersen entdeckt jedoch auch Marias Aktivitäten und beschwört einen finsteren Plan herauf.

[Spoiler-Alarm] Joh Fredersen beauftragt den Wissenschaftler Rotwang (Rudolf Klein-Rogge), eine kybernetische Kopie von Maria zu entwickeln, mit der er Einfluss auf ihre wachsende Anhängerschaft nehmen und sie als Prototyp für zukünftige Arbeiter nutzen will. Anfangs läuft alles wie geplant, doch Freder und Maria können die Katastrophe fast in letzter Minute verhindern. Die folgende Massenhysterie unter den Arbeitern dreht sich und richtet ihren Zorn auf die Cyber-Maria, die auf einem Scheiterhaufen verbrannt wird. Danach bilden Freder und Maria eine neue brüderliche Gemeinschaft unter den verschiedenen Klassen und sogar Joh Fredersen bietet seine Hand in Versöhnung an, getreu dem Slogan des Films: “Der Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein”. [/Spoiler-Alarm]

Einige Inhalte des Films sind in diesem Trailer der restaurierten Fassung von 2010 zu sehen:

 

 

Stadtbild von Metropolis

Fritz Lang, Thea von Harbou, Werner Graul und all die anderen kreativen Köpfe, die an der Produktion von Metropolis beteiligt waren, wurden von einer Vielzahl verschiedener zeitgenössischer Stile und Designs wie z.B. dem Art Deco, Bauhaus, Kubismus und Futurismus sowie Einflüsse der Gotik und sogar der mesopotamischen Architektur. Letztere konzentriert sich insbesondere auf das Thema Babylon und seine Bedeutung für mediale mythologische Interpretationen – ein Aspekt, der in diesem Abschnitt ebenfalls behandelt wird.

Inspirationen für das Metropolis-Projekt sammelte Fritz Lang auch aus seinen eigenen persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen in den frühen 1920er Jahren in New York City:

“Und bei der Besichtigung New Yorks hatte ich die Vorstellung, daß dies der Schmelztiegel vielfältiger und wirrer menschlicher Kräfte war, die blind einander anstießen, in dem unbezwingbaren Verlangen sich gegenseitig auszubeuten, und so in einer ständigen Angst lebten. […] Die Gebäude erschienen mir wie ein vertikaler Vorhang, schimmernd und sehr leicht, ein üppiger Bühnenhintergrund, an einem düsteren Himmel aufgehängt, um zu blenden, zu zerstreuen und zu hypnotisieren. Nachts vermittelte die Stadt ausschließlich den Eindruck zu leben: sie lebte wie Illusionen leben. Ich wußte, daß ich über all diese Eindrücke einen Film machen musste.”2

 

Einflüsse Babylonischer Architektur

Verschiedene Motive der antiken babylonischen Architektur und Mythologie finden sich in Metropolis. Das allgegenwärtige Zentrum von Metropolis ist das Gebäude “Neuer Turm Babel”, das höchste Gebäude der Stadt. Es erinnert sehr stark an babylonische Architektur:

 

Tower of Babylon - Animation "Neuer Turm Babel", Fritz Lang's Metropolis, 1927 [Timestamp: 02:01:15 onwards]
Animation “Neuer Turm Babel”, Fritz Lang’s Metropolis, 1927, UFA Babelsberg [Timestamp: 02:01:15 onwards, rewind-loop gif by Planet Dystopia]

Auffällig aufgrund seines voluminösen Rundbaus, der stufenartigen Ebenen, unterstützt von monumentalen Säulenvorsprüngen und den weitreichenden Luftlandeplätzen nahe der Turmspitze. Der Turm betont die vertikale Teilung der Gesellschaft, die wir später noch ausführlicher behandeln werden und erinnert optisch stark an die künstlerischen Arbeiten von Bruegel, Desiderio und vielen anderen Künstlern, die sich in vergangenen Jahrhunderten des Themas des Babylonischen Turms gewidmet haben.

 

 

Der Turm beherbergt auch die Haupt-Energieversorgung der Stadt sowie die Verwaltung des genannten Unternehmers Joh Fredersen. Von seinem geräumigen Büro in der Höhe überwacht und verwaltet er die Stadt. Diese oberirdische Position von Fredersen betont seine soziale Position durch die räumliche Anordnung. Seine zahlreichen technischen Überwachungsinstrumente verstärken dies: Fredersens omnipräsenter Überblick über die sozialen Verhältnisse lässt ihn wie einen neo-feudalen König erscheinen.

Falls Interesse an mehr Informationen über die Rolle der mesopotamisch-babylonischen Architektur in kulturellen Künsten und Werken aller Art besteht, kann ich den ausführlichen Artikel Turm von Babylon: Kulturelle Wiege urbaner Dystopien wärmstens empfehlen.

 

Vertikale Klassentrennung

Das in Metropolis dargestellte Stadtbild ist auch durch vertikale Kontraste gekennzeichnet. Dies wird unterstrichen durch die architektonische Anordnung der verschiedenen Gebäude. Auch die Darstellung der ungleichen Arbeits- und Lebenswelten sowie die unterschiedlichen sozialen Situationen der verschiedenen dargestellten gesellschaftlichen Gruppen unterstreichen dies:

“Während in der Oberstadt, in den paradiesischen Gärten von Yoshiwara3, die Jeunesse dorée4 ein süßes Leben genießt, bedienen im Maschinen-Zentrum die in der Unterstadt vegetierenden Arbeitermassen robotergleich die Maschinen.”5

Kennzeichen der Oberstadt sind zudem die zahlreichen Hochhäuser, die auf mehreren Ebenen unterschiedlich angelegt sind. Die dazwischen liegenden tiefen Schluchten und die allgegenwärtigen Verkehrswege, die durch die gesamte Stadt zu führen scheinen, bilden Querverbindungen zwischen den verschiedenen Strukturen auf mehreren Ebenen.

 

 

Auf der anderen Seite leben die Arbeitermassen unter der Stadt in abgetrennten Vierteln. Diese befinden sich in der Nähe der Infrastruktur und der Produktionsstätten, zu denen die Arbeiter mit riesigen Pendlerliften in ihren jeweiligen Tagesschichten fahren. Die kontrastreichen, bedrückenden Formen von hellen und dunklen Kuben der Fassaden und Fenster heben sich deutlich von der Darstellung der abwechslungsreicheren Oberstadt ab. Die tristen Einheitsgebäude weisen auf eine erzwungene Einheit der Lebensstile der Bewohner hin – ebenso wie die Uniformen der arbeitenden Massen.

 

 

In der Mitte der Unterstadt befindet sich ein großer Gong, der den Wechsel der Arbeitsschichten signalisiert. Sie betont mit ihrer kontrastierenden Erscheinung gegenüber ihrer Umgebung, die besondere Stellung ihrer Funktion und ihre Bedeutung als metaphorisches Element der Spannung zwischen Arbeits- und Lebensbedingungen.

 

Metropolis - Upper City Street, Metropolis, 1927, UFA Babelsberg
Metropolis – Upper City Street, Metropolis, 1927, UFA Babelsberg [Timestamp: 01:16:59]

Eine Frage stellt sich aufgrund der Größe der riesigen Oberstadtgebäude und der Zweiklassengesellschaft: Welche Bewohner nutzen diese Gebäude überhaupt – egal ob als Wohn- oder als Arbeitsraum? Abgesehen von einigen Passanten und den Insassen der verschiedenen Fahrzeuge scheint es in Metropolis überhaupt keine ausgeprägte Mittelklasse zu geben.6 Dies deutet auf einen trügerischen Schein des Lebens in einer an sich leerstehenden Stadt hin.

 

Beispielhafte Kino-Werke als Erben von Metropolis

Metropolis hat seit seiner Veröffentlichung im Jahr 1927 verschiedene kulturelle Werke beeinflusst. In diesem Abschnitt möchte ich einige beispielhafte Werke aus einigen Epochen präsentieren, um einen kurzen Überblick über einige der Themen und deren Re-Interpretationen zu geben. Wir werden sie in Bezug auf Elemente ihrer Präsentation, die von Metropolis in der einen oder anderen Form inspiriert wurden, genauer betrachten.

 

Things to Come (1936)

Der Film “Things to Come” von William Cameron Menzies basiert lose auf dem Roman “The Shape of Things to Come” (1933)7 und dem dazugehörigen Drehbuch des renommierten Science-Fiction-Autors H.G. Wells. Die Handlung dreht sich um die fiktive englische Stadt “Everytown”, deren Veränderung über einen Zeitraum von etwa 100 Jahren vom Betrachter begleitet wird.

 

Everytown, Things to Come, 1936
Everytown, Things to Come, 1936

 

Aufgrund eines jahrzehntelangen Weltkrieges werden der zunehmende Verfall der sozialen Ordnung, der Verfall der Infrastruktur sowie grassierende Epidemien und der technologische sowie soziale Niedergang der präsentierten Stadt in vielfältiger Weise sichtbar. Doch einige siegreiche Invasoren einer technologisch fortgeschrittenen Gruppe von Piloten und Wissenschaftlern, die “Wings over the World”, heben die Stadt schließlich aus ihrer Asche in neue Höhen.

Besonders bemerkenswert ist die Darstellung der Verlagerung menschlicher Siedlungen in den Untergrund: Die Nachkriegsruinen der Warlords werden aufgegeben und die Oberflächen-Landschaft fast vollständig renaturiert, während sich die menschliche Gesellschaft in die Tiefen der Erde begibt.

 

Underground City / Vertical Levels, Things to Come, 1936, via FilmFanatic.org
Underground City / Vertical Levels, Things to Come, 1936, via FilmFanatic.org

 

Gleichzeitig offenbart sich jedoch auch eine vertikale soziale Struktur, die sich unter der Erdoberfläche etabliert hat: Sie findet ihren Ausdruck in der vertikalen Architektur der Stadt – die wissenschaftliche und politische Elite lebt und regiert in den oberen Ebenen. Der Rest der Bevölkerung verbleibt in flachen Wohn- und Arbeitseinheiten darunter, die über verschiedene Verkehrswege wie Brücken und Aufzüge miteinander verbunden sind. Die hier gezeigte Architektur wird von einer fast sterilen, hellen Farbgebung dominiert und der runde Formenzug erinnert an Gebäude im Stil des Art Deco.

 

Scientific Elite, Things to Come, 1936, via Streamline The Film Struck Blog
Scientific Elite, Things to Come, 1936, via Streamline The Film Struck Blog

 

Obwohl die Szenerie der Untergrundstadt zunächst – vor allem im Vergleich zur ehemals baufälligen Stadt des Chefherrn (Ralph Richardson) – utopisch wirkt, zeigt sie auch diktatorische Züge mit technokratischem Charakter: Gegen den Willen großer Teile der Bevölkerung verfolgt und befeuert die wissenschaftliche Elite um jeden Preis einen sich ständig beschleunigenden Fortschritt.8

 

Blade Runner (1982)

Der Allzeit-Klassiker des filmischen Cyberpunk, der Film “Blade Runner”, basiert auf Philip K. Dicks Roman “Do Androids Dream of Electric Sheep?” und wurde von Ridley Scott geleitet. Der Film spielt in einem futuristischen Los Angeles in einem fiktiven Jahr 2019. Privatdetektiv Rick Deckard (gespielt von Harrison Ford) versucht, sogenannte “Replikanten” – menschenähnliche Lebensformen, die auf der Erde verboten sind – aufzuspüren und zu liquidieren .

Das Stadtbild in Blade Runner wird von großen städtischen Siedlungen beherrscht, die bis zum dunklen Himmel reichen. Es enthält all die Ängste vor Urbanisierung, die ihren Weg in visuelle Elemente des Settings finden: Das inhärente vertikale Wachstum von Städten, die Verschmelzung von alten und neuen Strukturen, welche ungehemmt aufeinander aufbauen – einer futuristischen Version der Kowloon Walled City auf Steroiden ähnelnd.

 

ToB - Corporate HQ in Ridley Scott's Blade Runner, 1982
HQ of the Tyrell Corporation in Ridley Scott’s Blade Runner, 1982, ©Warner Bros. [Timestamp: 00:02:52]

Das Gebäude der einflussreichen “Tyrell Corporation” bildet den Kern der Stadt und ist gleichzeitig die monumentalste Struktur des Stadtbildes, die im Film präsentiert wird. Der stufenartige Aufstieg und die pyramidenförmigen Außenfassaden, die von unzähligen Fenstern und Aufzügen beleuchtet werden, zeigen die Kraft der Unternehmenswelt in der vorgestellten Gesellschaft.

Dies wird unterstrichen durch die Lage des Quartiers von Dr. Eldon Tyrell (gespielt von Joe Turkel), dem Geschäftsführer des Konzerns, zugleich leitender Wissenschaftler und inoffizieller Herr der Stadt. Tyrell befindet sich auf der obersten Ebene des Gebäudes und genießt einen ähnlichen Blick über die Stadt wie sein Pendant Joh Fredersen in Metropolis.

Tyrell und Fredersen stehen sowohl räumlich als auch sozial an der Spitze ihrer Gesellschaft und beide haben eine inhärente kreative Kraft. Während Fredersen dies in Form der in Auftrag gegebenen Kreation der künstlichen Cyber-Maria zum Ausdruck bringt, offenbart sich Tyrells enormes Potenzial für Macht- und Designfähigkeiten in der großindustriellen Produktion neuer Formen semi-biologischen Lebens.

 

ToB - Police Station in Ridley Scott's Blade Runner, 1982
Police Station in Ridley Scott’s Blade Runner, 1982, ©Warner Bros. [Timestamp: 00:10:34]

Erwähnenswert ist auch das Gebäude der Polizeiwache, die Rick Deckard besucht: Ein großer Rundbau, der in Form und Design dem Hauptgebäude von Metropolis ähnelt. Einige Landeplätze für fliegende Fahrzeuge sind ebenso auf dem Dach verfügbar. Das Polizeigebäude ist an sich monumental, aber im Vergleich zu vielen anderen Gebäuden, die das Stadtbild prägen, ist es wiederum klein. Es kann somit als Metapher für die abklingende soziale Ordnung und symbolisch als Stellvertretung für eine Exekutive angesehen werden, die ihren Einfluss weiter verliert.

 

 

Gemeinsamkeiten wie diese architektonischen Parallelen zwischen Blade Runner und Metropolis lassen Rückschlüsse auf die Rezeptionen beider Regisseure zu:

“Beide Filme kann man sehen, so Michael Webb, ‘als Ergebnis eines Kulturschocks, genauer der nachhaltigen Wirkung Manhattans auf einen empfänglichen Europäer’ – den Deutschen Fritz Lang und den Engländer Ridley Scott.”9

 

Brazil (1985)

Die Handlung von Terry Gilliams Film “Brazil” beschreibt die Karriere des professionellen Bürokraten Sam Lowry (gespielt von Jonathan Pryce), der zwischen die Fronten einer fast allgegenwärtigen zentralistischen Regierung, dem Freiheitskampf einer Rebellen-Fraktion sowie seiner eigenen, zuweilen bizarren, Tagträume gerät.

 

 

Die Stadtgebiete in Brazil sind, ähnlich dem Stadtbild von Metropolis, von engen, teils surrealen urbanen Hochhausschluchten bestimmt, jedoch geprägt von vglw. viel dunkleren Tönen – in dieser Welt sind sich Ober- und Unterstadt gleich. Die vertikale Trennung der Gesellschaft ist mit dem totalitären Ansatz einer all-umfassenden Bürokratie verschmolzen, die letztlich alle Milieus und Klassen zugleich dominiert.

 

 

Einer der zentralen Orte des dargestellten Regimes ist die staatliche Überwachungsbehörde, die das Hauptquartier einer der einflussreichsten und gefürchtetsten Institutionen bildet. Das Gebäude ist ein monumentaler Bau mit hohen Mauern, deren stufenförmige, quaderförmige Ebenen durch seitlich befestigte, bis zum Boden reichende Türme mit tiefen horizontalen Einbuchtungen gekennzeichnet ist. Dies erinnert sowohl an die babylonische als auch an die kassitische Architektur, beinhaltet aber – aufgrund der Gestaltung und Form der Kuben – auch Elemente nüchterner Verwaltungsgebäude bürokratisch-totalitärer Regime.

 

Dark City (1998)

Regisseur Alex Proyas filmte “Dark City”, in dem eine außerirdische künstliche Metropole dargestellt wird, in welcher die Menschheit auf der Suche nach einem Heilmittel für die vom Aussterben bedrohte Alien-Art analysiert wird. Die Bewohner selbst sind sich dieser Situation jedoch nicht bewusst, da die Aliens in der Lage sind, sowohl Identitäten, das spezifische Zeitgefühl sowie die Erinnerungen der menschlichen Bevölkerung zu manipulieren. Auch die räumliche Anordnung der Stadt und ihrer Gebäude verändert sich ständig in alle Richtungen gemäß dem Willen dieser fremdartigen Bauherren.

 

Cityscape and Skyline in Dark City, 1998, via Nir Shalev, Commentary Track, 2011
Cityscape and Skyline in Dark City, 1998, ©New Line Cinema, via Nir Shalev, Commentary Track, 2011

 

Das abgebildete Stadtbild ist geprägt von steter Dunkelheit und zahlreichen Gebäuden, deren gemeinsames Merkmal die zeitgleiche Darstellung anachronistischer Elemente ist. Dies wird durch die täglichen Veränderungen der Erbauer vertieft. Infolge dieser ständigen Transformationen wird der Empfänger über den genauen Zeitpunkt der Handlung im Unklaren gelassen. Es vermischen sich Elemente aus Stilen von Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts mit visuellen Aspekten der Industrialisierung und der Gegenwart – architektonisch und technologisch. Dennoch sind monumentale Bauten, wie z.B. hohe Torbögen öffentlicher Gebäude und kolossale hochgelegene Passagen in beiläufigen Seitenstraßen, charakteristische Elemente für jede Phase des Wandels in Dark City.

 

Cityscape and Skyline in Dark City, 1998, via Nir Shalev, Commentary Track, 2011
Cityscape and Skyline in Dark City, 1998, ©New Line Cinema, via Nir Shalev, Commentary Track, 2011

 

Fazit

Fast ein ganzes Jahrhundert ist seit der Veröffentlichung von Metropolis vergangen und es hat nicht nur kleine Kinder in Warteräumen faszinieren können. Im Laufe der Jahrzehnte hat der Film verschiedene kulturelle Werke inspiriert. Unzählige Künstler und Professionelle der Film und Medienbranchen wurden von Elementen seiner visuellen Darstellungen beeinflusst. Besonders urban-dystopische Szenarien in zahlreichen Filmen entlehnten sich auf vielfältige Weise dem Meisterstück Fritz Langs.

Die ikonischen Gebäude und das Stadtbild von Metropolis sowie die ihnen innewohnende vertikale Segregation von Menschen waren ein Entwurf für viele künstlerische Arbeiten. Das Fundament dieser Aspekte, basierend auf der babylonischen Architektur und den damit verbundenen Mythologien der städtischen Angst, unterstreicht zugleich die Wichtigkeit dieser Arbeit: Metropolis agiert als mediale Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

JHS

 

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  1. Die genaue Zeit der Handlung von Metropolis hängt davon ab, welche Ausgabe man als Kanon betrachtet: Manche sagen 2000, andere legen es ins Jahr 2026 und andere wie die ursprüngliche Paramount US-Veröffentlichung platzieren es sogar in 3000 n.Chr. – Die Entscheidung liegt also beim Rezipienten.
  2. Fritz Lang 1924, Broadway in Göttler & Huppertz 1988, S. 4
  3. Ehemaliger und berühmt-berüchtigter Rotlichtbezirk im feudalen Tokyo, zugleich Name eines in Metropolis dargestellten Vergnügungs-Etablissements der Oberschicht. Vgl. Oldtokyo.com, 2010
  4. Französischer Ausdruck für „Goldene Jugend“ / junge, reiche u. privilegierte Menschen. Vgl. Babylon Ltd. 2010
  5. Gehler & Kasten 1990, S. 127
  6. Vgl. Geser, G.: Fritz Lang. Metropolis und die Frau im Mond. Zukunftsfilm und Zukunftstechnik in der Stabilisierungszeit der Weimarer Republik. Augsburg; Meitingen: Corian. 1996, S. 86
  7. Als Inspiration diente u.a. sein Roman “A Modern Utopia” (1905), dessen – in utopischer Tradition stehende – Perspektiven H.G. Wells in zahlreichen weiteren Werken aufgriff und mit diesen als grundlegend für die Entwicklung des Science Fiction-Genres gilt. Vgl. Erzgräber, W.: Utopie und Anti-Utopie in der englischen Literatur. München: W. Fink 1980, S. 96; Zeißler, E.: Dunkle Welten. Die Dystopie auf dem Weg ins 21. Jahrhundert. Marburg: Tectum. 2008, S. 34
  8. Ursprünglich hatte HG Wells in seiner literarischen Vorlage andere Absichten: Er betonte eine klare Abgrenzung von Fritz Langs Metropolis, sowohl inhaltlich als auch in der Darstellung einer Stadt der Zukunft, die nur durch die alleinige Herrschaft von Wissenschaftlern in eine fortschrittlichere Form von Gemeinwesen transferiert werden könne. Vgl. Tormin 1996, S. 40 f
  9. Arnold 1999, mit einem Zitat von Webb 1996, S. 44

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