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Feature image Brazil 1985

Brazil (1985): Terry Gilliams Vision einer bürokratischen Dystopie

Einleitung

Wann immer Bedenken gegenüber ausufernder Bürokratisierung und den Folgen von Automatisierung behördlicher Vorgänge geäußert werden, fallen schnell Verweise auf den dystopischen Film “Brazil” von Terry Gilliam. Der im Jahr 1985 erschienene Filmklassiker vermag es wie kaum ein anderes mediales Werk, die mit diesen Entwicklungen einhergehenden Verrücktheiten und Widersprüche menschlicher Ordnungssysteme darzustellen.

Inspiriert von George Orwells “1984”, geht der Film seine eigene Wege in Bezug auf die Darstellung totalitärer Zukunftsvisionen. Terry Gilliam selbst hat dies einmal recht gut auf den Punkt gebracht, in dem er seine Motivation für die Schaffung Brazils damit begründete, die “Verrücktheit unserer so seltsam geordneten Gesellschaft” aufzeigen zu wollen, welche das “Bedürfnis, ihr – auf welchem Weg auch immer – entfliehen zu wollen”, wecke.1

Die retro-futuristischen visuellen Elemente des Films hatten und haben zugleich beachtlichen Einfluss auf die Entwicklung urbaner Dystopien in medialen Werken. In vielerlei Hinsicht reiht sich Brazil in eine Riege bedeutsamer SciFi-Werke ein, wie z.B. Fritz Langs “Metropolis” und das ebenfalls aus den 1980er Jahren stammende “Blade Runner”.

Im Rahmen dieses Artikels betrachten wir, neben der Handlung und den Settings, die bedeutsamen Wechselwirkungen zwischen der im Film dargestellten Architektur und Gesellschaft. Der bereits genannte, bedeutsame Einfluss von Brazil auf spätere mediale Werke mit dystopischen Bezug, steht ebenfalls im Fokus dieser Betrachtung.

 

Entering The Lion's Den, "Brazil" (1985) [01h:06m:46s]
Entering The Lion’s Den, “Brazil” (1985) [01h:06m:46s], ©20th Century Fox / Universal Pictures

Handlung & visuelle Settings in Brazil

Die Handlung von Brazil umfasst die Karriere eines Bürokraten niederen Ranges namens Sam Lowry (gespielt von Jonathan Pryce). Dieser gerät zwischen die Fronten einer fast allgegenwärtigen zentralistischen Regierung, dem Freiheitskampf einer ominösen Rebellen-Fraktion sowie seiner eigenen, zuweilen äußerst bizarren, inneren Tagträume.

Lowrys turbulente Reise wird durch einen, vermeintlich, unmöglichen Fehler im System ausgelöst: Aufgrund eines kleinen, aber folgenschweren Systemfehlers wird eine unschuldige wie unbeteiligte Familie ins Unglück gestürzt. Sams Job ist es, diesen Fehler auszugleichen. Eine Aufgabe, die sich als mindestens ebenso unmögliches Unterfangen herausstellt. Durch das mächtige, allgegenwärtige und zugleich überraschend inkompetente, bürokratische Regime gerät er in zunehmend größere Schwierigkeiten. Sein instabiler Charakter und die wiederkehrenden Halluzinationen und Träume erweisen sich dabei als ebenso wenig hilfreich.

Die Darstellung von Lowrys Balanceakten zwischen totalitärer Realität und befreiendem Wahnsinn wird auch durch die gleichsam janusköpfigen urbanen Umgebungen unterstrichen: Genre-typische dunkle Stadtlandschaften, industrielle Settings und bedrohliche Monumentalbauten des Regimes kontrastieren mit noch kleineren Lebensräumen wie Restaurants und intimen Rückzugsorten wie privaten Wohnungen. Diese wirken fast abstrakt, definitiv überladen und widersprüchlich zugleich.

Ebenso widersprüchlich wirkt die allumfassende, ausufernde und erschreckend fehleranfällige Bürokratie in Brazil: Das System tötet, ohne zu zögern, seine menschlichen Elemente. Bewusst wie unbewusst & innerlich wie äußerlich. Die einzige Flucht scheint der mentale Weg in den Wahnsinn zu sein.

 

 

Wechselwirkungen zwischen Architektur & Gesellschaft in Brazil

Die urbane Umgebung in Brazil ist, ähnlich dem Stadtbild von Fritz Lang’s “Metropolis”, von engen und teils surreal wirkenden Hochhausschluchten bestimmt. Im Gegensatz zu Fritz Langs Werk von 1927 ist die Atmosphäre jedoch von einer deutlich düsteren Kombination an Helligkeitsstufen geprägt – und zwar auf allen Ebenen. In dieser fiktionalen Welt sind sich Ober- und Unterstadt sowie ihre jeweiligen Bewohner gleich: Die vertikale Trennung der Gesellschaft wird durch den totalitären Ansatz einer all-umfassenden Bürokratie indirekt aufgehoben und die Dominanz des Systems gegenüber seinen menschlichen Komponenten unterstrichen.

 

 

Einer der zentralen Orte des in Brazil dargestellten bürokratischen Regimes ist die staatliche Überwachungsbehörde, die das Hauptquartier einer der gesellschaftlich einflussreichsten und gefürchtetsten Institutionen bildet. Das Gebäude ist ein monumentaler Bau mit hohen Mauern, dessen stufen- & quaderförmige Ebenen durch seitlich befestigte, an den Boden reichende Türme mit tiefen horizontalen Einbuchtungen gekennzeichnet ist. Dieses Erscheinungsbild erinnert sowohl an die babylonische als auch an die kassitische Architektur und somit an den Mythos des Turms zu Babel. Zugleich beinhaltet dies aber – aufgrund der Gestaltung und Form der Kuben – auch Elemente der eher nüchtern gehaltenen Verwaltungsgebäude bürokratisch-totalitärer Regime in Gegenwart und Vergangenheit unserer Realität.

 

 

Eine geradezu obsessive Verbindung des Films mit Abfluss- und Heizungsrohren ist ebenso abstrus wie die stete Darstellung von farbreichen Dekorationselementen, Lichtern, Plakaten als Kontrast und allen möglichen Formen an mehr oder minder funktionierenden Alltags-Technologien dazwischen. Es vermischen sich Stil-Elemente des Art-Deco-Stils des frühen 20. Jahrhunderts mit – zur Zeit der Produktion des Films als SciFi empfundenen – neueren Technologien auf eine konfuse Weise. Alles wirkt im Niedergang befindlich und Flickschusterei scheint Alltag zu sein. Dennoch ignoriert die Masse dies und kümmert sich lieber um irrelevante Details anstatt z.B. unnötig komplexe Verfahrensprozesse oder gar das System selbst in Frage zu stellen.

 

 

Einfluss von Brazil auf dystopische Medienwerke & Subkulturen

Seit seinem Erscheinen Mitte der 1980er Jahre hat Brazil zahlreiche mediale Werke beeinflusst. Dieser Einfluss ist vor allem durch die visuellen Elemente der im Film dargestellten dystopischen Aspekte bestimmt. Sowohl die präsentierte Architektur als auch die retro-futuristischen technologischen Facetten einer ausnahmslos durchbürokratisierten Gesellschaftsform inspirierten Filmemacher und Medienschaffende jeder Art. Die Kernelemente des Films wurden als Anreize wahrgenommen und es wurde sich dieser in vielerlei Form bedient.

Eines der frühesten Werke, dass sich von Brazil’s Machart inspirieren ließ, war Tim Burtons “Batman” (1989). Dies mag auch daran liegen, dass an beiden Filmen der gleiche Kameramann, nämlich Roger Pratt, mitarbeitete und seinen Einfluss ausspielte.2

Auch “Dark City” (1998) von Alex Proyas bediente sich der kinematographischen Mittel Brazils: Die verwendeten Winkel der Kameraufnahmen der abstrakt und surreal wirkenden urbanen Häuserschluchten erinnern stark an die entsprechenden Aufnahmen in Terry Gilliams Klassiker.3 Die teils anachronistische Mixtur aus verschiedenen Baustilen und sich verschiebenden Szenerien, den Kleidungsstilen der Menschen und Antagonisten, erinnern ebenfalls an den wilden Mix an Stilarten und Technologien in Brazil.

 

Cityscape in "Dark City" (1998)
Cityscape in “Dark City” (1998), © New Line Cinema

 

Seinen Einzug ins 21. Jahrhundert fanden die Motive des Films beispielsweise in Form der monumentalen Bauten in “Equilibrium” (2002): Diese versprühen ebenfalls den gleichen autoritär-bürokratischen Charme der Regierungsgebäude in Brazil und stellen sich in eine Reihe mit den kolossalen Bauten in Metropolis fast 100 Jahre zuvor, sowie der antiken Inspirationsquellen babylonischer Mythen und Legenden. Auch in “Children of Men” (2006) ist eine Hommage an Brazil erkennbar – die explosive Eingangsszene des Films von Alfonso Cuarón ist nahezu identisch mit einer Szene in Terry Gilliams Werk.

Der Einfluss von Brazil ist auch in neuester Gegenwart noch zu spüren. So sind Szenen der Netflix-Serie “Altered Carbon” (2018) nicht nur von anderen großen Genre-Klassikern wie “Blade Runner” geprägt, sondern erinnern in ihrer Darstellung von asynchronen, improvisierten Technologien und hinsichtlich mancher in Szene gesetzter Stadtbilder an Brazil.

 

 

Auch in alternativen neueren Medienformen gibt es Einflussnahmen: So bedient sich das Videospiel “We Happy Few”, dessen Handlung in einem alternativen Großbritannien der 1960er Jahre angesiedelt ist, sowohl optisch als auch hinsichtlich des sarkastisch-düsteren Humors an Gilliams totalitärer Vision.4

In die seit Beginn des neuen Jahrtausends aufblühende Subkultur des “Steampunk”5 flossen wiederum andere Stilelemente von Brazil ein: Insbesondere die Integration neuer Technologien in Rahmen und Formen alter Maschinerien sind hierfür maßgebend und verdeutlichen zugleich den, bis in die Gegenwart reichenden, kulturellen Einfluss von Brazil.

 

Just a normal day in Dystopia, "Brazil" (1985) [00h:11m:44s]
Just a normal day in Dystopia, “Brazil” (1985) [00h:11m:44s], ©20th Century Fox / Universal Pictures

Fazit

Mehr als 30 Jahre sind seit der Erstveröffentlichung von Terry Gilliams Brazil vergangen und doch scheint der Film relevanter denn je: Die Handlung erinnert an Datenskandale der jüngsten Vergangenheit und welche Risiken z.B. falsche Datenbankeinträge für den Einzelnen mit sich bringen könnten – sowohl theoretisch als auch praktisch. Der Einfluss Brazils auf Medienwerke aller Art unterstreicht sowohl die Aktualität als auch die Relevanz der im Film präsentierten Aspekte sowie die zeitlose Stärke seiner visuellen Facetten.

Fast alle Menschen sind heute zudem Lebensbedingungen ausgesetzt, in denen sie sich mit einer oft folgenreichen Melange aus mehr oder minder funktionierenden und rasant entwickelnden Technologien, sowie den stets präsenten Überbleibseln behäbiger, selbstgefälliger und betagter gesellschaftspolitischer Systeme, arrangieren müssen. Gleichzeitig sind viele der Meinung, dass der fast ununterbrochene Kommunikationssturm via sozialer und traditioneller Medienkanäle mit einem kontinuierlichen Informationsbombardement des Individuums gleichzusetzen sei. Dies berge das Risiko, dass es künftig noch schwieriger werde, wichtige Themen auf sozialer Ebene priorisieren zu können.

Das filmische Beispiel des Rückzugs der Figur von Sam Lowry, tief in wahnwitzige Tagträume einer besseren Welt abzudriften, scheint unter diesem Gesichtspunkt besonders bedenklich stimmend – die Parallelen zu zeitgenössischen Entwicklungen des Eskapismus scheinen zu groß, um sie zu ignorieren. Der Versuch, ein bewussteres Leben abseits reiner Weltflucht zu leben, mag eine mögliche individuelle Zielsetzung sein, welche aus solcherlei Einsichten erwachsen könnte.

JHS

 

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  1. Anmerkungen bzw. Notizen von Terry Gilliam in Jack Matthew: “Dreaming Brazil”. Criterion Collection, 1996.
  2. Roger Pratts Profil auf IMDB und Artikel auf Wikipedia
  3. Adrienne Hicks: “Critical Review and Bibliography – Dark City (1998)”. Murdoch University, Murdoch, Australia, 2001. Backup auf WebArchive.
  4. Ben Davis: “We Happy Few is a roller coaster of creepy vibes and eccentric humor”. Artikel auf Destructoid, April 2016.
  5. Oftmals auch als Subkategorie des “Cyberpunk” eingeordnete bzw. wahrgenommene Subkultur.

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