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Tower of Babylon - Feature

Turm von Babylon: Kulturelle Wiege urbaner Dystopien

Einleitung

Urban-dystopische Werke der Gegenwart orientieren sich gern an modernen städtebaulichen Beispielen, wie der Kowloon Walled City. Stetig wiederkehrende Motive stellen dabei, unter anderem, Facetten fortgeschrittener Urbanisierung dar: Vertikales Wachstum von Städten in Form von Hochhäusern und Wolkenkratzern sowie die Assoziation von städtischem Leben mit negativen Auswirkungen auf soziale Gefüge. Oftmals sind jedoch sehr viel ältere Quellen der Inspiration für derlei Werke ausschlaggebend: Die legendäre Stadt Babylon und ihr wohl bekanntestes Bauwerk, der “Turm von Babylon” / “Turm zu Babel”.

In nahezu allen Epochen gelten Stadt und Turm als kulturelle Wiege und Mahnmal urbaner Zivilisationen zugleich. Sie sind kontinuierlich genutzte Vorlagen für unterschiedliche Blickweisen auf urbane Lebensstile. Zudem stellen sie oftmals ein Sinnbild der Gegensätze menschlichen Zusammenlebens im Allgemeinen dar.

In diesem Artikel betrachten wir gemeinsam die historischen Hintergründe Babylons sowie die mythologischen und frühen künstlerischen Wurzeln, die mit dem Turm von Babylon verknüpft sind. Angereichert mit einigen Beispielen aus unterschiedlichen Film-Zeitaltern, werden zudem moderne Adaptionen dieser antiken und klassischen Motive betrachtet.

Ich wünsche viel Vergnügen bei der Lektüre und freue mich über Ergänzungen, Kommenatre und Feedback jeder Art. Viel Spaß!

Babylons historischer Weg als Sinnbild urbaner Dystopien

In diesem Abschnitt betrachten wir die historischen Hintergründe der prägenden visuellen Facetten Babylons, die medial stets neu interpretiert und adaptiert wurden. Der Fokus liegt hierbei auf der historischen Entwicklung babylonischer Architektur und den dazugehörigen sozio-kulturellen Faktoren.

Historischer Hintergrund

Zwischen Euphrat und Tigris im südlichen Teil des früheren Mesopotamiens (heutiger Irak) gelegen, nahm Babylon im 2. und 1. Jahrtausend v.Chr. – aufgrund diverser zusammenhängender Faktoren wie Geographie, Bevölkerungswanderungen und Klimafaktoren – unter den damaligen Stadtstaaten eine herausragende wissenschaftliche, wirtschaftliche und militärische Position ein. Diese Sonderstellung Babylons ging mit expansionistischen und machtpolitischen Tendenzen einher.1

Aufgrund dieser Faktoren gelang es den Babyloniern, auch auf dem Gebiet der Architektur neue Maßstäbe zu setzen. Große Paläste dienten als Verwaltungsgebäude und wurden zugleich als Tempel genutzt. Diese Turmbauten, auch “Zikkurat” genannt, drückten bereits in der frühen Phase der babylonischen Geschichte regionale Machtansprüche und den erlangten Reichtum aus.2

Babylons Gebäude nahmen unter der Regierung von Nebukadnezar II. in der spätbabylonischen Zeit von 604 v. Chr. bis 562 v. Chr., imposante Maße und Gestalten an. Das kulturell prägende historische Bild Babylons wurde insbesondere von dieser Phase und ihrer Architektur geformt. Die mit der Herrschaft Nebukadnezars II. verknüpfte Symbiose von kolossalen Bauwerken und den zugleich dafür notwendigen Tributzügen gegen Nachbarreiche wie Ägypten und syrische Stadtstaaten, ist von religiösen und historischen Gelehrten oft aufgegriffen worden. Insbesondere die oftmals drakonische Bestrafung von aufrührerischen Regionen und die ungehinderte Demonstration militärischer Macht standen hierbei, ungeachtet davon divergierender Selbsteinschätzungen der Babylonier, im Vordergrund der jeweiligen Schilderungen.3

Deutlich wird das damalige Streben nach imposanten öffentlichen Gebäuden und Anlagen unter anderem an der babylonischen Prozessionsstraße samt massiven Stadtmauern und dem dazugehörigen Ishtartor. Die daran angeschlossenen und großzügig angelegten Tempelanlagen des Etemenanki mit seinen stufenförmigen Zikkurrats verdeutlichen dies. Neben technologischen Aspekten beeinflusste dies ebenfalls die Gestaltung und Rezeption urbaner Architektur und großer Siedlungen auf nachhaltige Weise.4

Anhand des exemplarischen Beispiels der Tempelanlage von E-Mah, wird die traditionelle babylonische Architektur ebenfalls deutlich: Breitgelagerte Türme, die große Tore flankieren und hohe Nischen, welche die Fassaden empor klimmen.5

Neben diesen, für ihre Zeit außerordentlichen, architektonischen Leistungen, prägten allerdings auch Verwechslungen das abendländische Bild von Babylon: So wurden beispielsweise Überreste von Bauwerken der – zu Babylon in Konkurrenz stehenden – kassitischen Gesellschaft für die Ruinen des Turms von Babel gehalten. Insbesondere Aqar-Quf, die Festungsanlage von Dur-Kurigalzu, nahe dem heutigen Bagdad, mit ihrem über 57 Meter hohen Zikkurat, hinterließ bei früheren Reisenden nachhaltige Eindrücke. Diese Eindrücke führten zu falschen Annahmen über ihre Herkunft und nahm kulturübergreifend Einfluss auf die Rezeption von antiken städtischen Bauten.6

Tower of Babylon - Aqar-Quf Dur-Kurigalzu
Ziggurat Aqar-Quf Dur-Kurigalzu, in: Oates 1983, p. 118

Inspiration & Rezeption des Turms von Babylon

Der Turm von Babylon / Turm zu Babel und der ihn begleitende Mythos, sind schon lange von besonderem Interesse für kulturelle Adaptionen vielerlei Prägungen. Als ein über viele Epochen wiederkehrendes Motiv, finden sie, ebenso wie die bereits erwähnten architektonischen Werke, facettenreiche Verwendung in Kulturgütern jeder Art. Babylon und speziell der Turm zu Babel wurden oft für unterschiedliche Weltanschauungen und die jeweiligen kulturellen Zeitströmungen instrumentalisiert.7

In diesem Abschnitt betrachten wir sowohl die frühen Adaptionen seiner visuellen Beschreibungen in Sagengeschichten und ikonenhaften Malereien, als auch die Verwendung jener Motive in modernen wie wegweisenden Medieninhalten.

Mythologische Verwendung

Insbesondere in christlicher und jüdischer Mythologie ist der Einfluss dieser urbanen Siedlung und Gesellschaft geprägt von den Verknüpfungen mit negativen Merkmalen und Konnotationen von despotischer Herrschaft, menschlicher Hybris und sozialer Differenz.

Als Basis des inhärenten mythologischen Elements der Verwendung des Turms gelten vor allem Sagen, die überwiegend aus den abrahamitischen Religionen stammen. Diese Geschichten handeln unter anderem von der Figur des Königs Nimrod als Erbauer des Turms. Es ist diesen Überlieferungen eines vorwiegend tyrannenhaften Herrschers zu verdanken, dass – ungeachtet der umstrittenen historischen Authentizität Nimrods8  – das Bauwerk bis in die heutige Zeit hinein, als…

„[…]Kathedrale des Bösen, geprägt durch den Größenwahn und Hochmut seines legendenhaften Erbauers[…]“9

…und als ein Synonym für menschliche Selbstüberschätzung und Kolossalbauten aller Art gilt.

Die alttestamentarische Bezeichnung Babylons als “die große Hure”, als Inbegriff von Götzendienst, sozialem Verfall und zugleich einflussreicher Verführungskraft, verdeutlicht diese Interpretationsweise am Beispiel religiöser Doktrin. Dies unterstreicht zugleich die nachhaltige Wirkungskraft dieser frühen Metropole.10

Frühe künstlerische Verwendungen

Vor allem im Mittelalter entstanden eine Vielzahl künstlerischer Werke, in denen das Bild des Turms sowie die dazu gehörige Wahrnehmung urbaner Architektur als Element dystopischer Deutungen, nachhaltig geprägt worden ist. Zugleich spielten diese Werke eine Vorreiterrolle für spätere popkulturelle Deutungsansätze.11

Neben zahlreicher Künstler, die sich des babylonischen Mythos annahmen, sind hierbei insbesondere die Werke von Pieter Bruegel, Monsù Desiderio – vermutlich der unter Pseudonym arbeitende Francois de Nomé – und John Martin für die epochen-übergreifende künstlerische Nutzung bezeichnend. Desiderio orientierte sich dabei beispielsweise am italienischen Barock-Stil seiner Zeit12 und adaptierte somit den Mythos gegenwarts-spezifisch statt ihn lediglich zu reproduzieren.

Auch der niederländische Künstler und Grafiker Maurits Cornelis Escher, allgemein bekannt als M.C. Escher, nahm sich dem Mythos Babylon zu Beginn des 20. Jahrhunderts an. Im Kontrast zu den anderen bereits genannten Werken fokussiert sich Eschers Bild auf die geometrischen Strukturen des Turms und verwendet eine höher liegende Betrachtungsperspektive auf das Bauwerk.

"Tower of Babel" by M.C. Escher, 1928
“Tower of Babel” by M.C. Escher, 1928, via Socks-Studio

Nutzung in modernen urban-dystopischen Medien

Auf Basis der mythologischen Wurzeln sowie der vorangegangenen künstlerischen Verwertungen visueller babylonischer Motive, wurden auch viele filmische Werke inspiriert. Die Adaptionsformen in modernen medialen Werken sind so zahlreich wie mannigfaltig. Aus diesem Grund wird im Rahmen dieses Unterabschnitts ein kurzer Überblick über einige der diesbezüglich wichtigsten urban-dystopischen Filmwerke geboten.

Metropolis (1927)

Fritz Langs Film “Metropolis” handelt von einer künftigen Stadt, die gesellschaftlich von der Unterteilung in zwei Hauptgruppen von Menschen geprägt ist: Einerseits die rechtlosen Massen der Arbeiter, welche unter der Erdoberfläche hausen und für den Betrieb der Infrastruktur sowie für die Produktion von Konsumgütern ausgebeutet werden. Andererseits gibt es die wohlhabende Oberschicht, der es an keinerlei Ressourcen mangelt und – abgesehen von bequemen administrativen Aufgaben – das Leben in einer von Hochtechnologie und eher zweifelhaften Vergnügen gekennzeichneten Oberstadt genießt.

Tower of Babylon - Animation "Neuer Turm Babel", Fritz Lang's Metropolis, 1927 [Timestamp: 02:01:15 onwards]
Tower of Babylon – Animation “Neuer Turm Babel”, Fritz Lang’s Metropolis, 1927 [Timestamp: 02:01:15 onwards, rewind-loop gif by Planet Dystopia]
Das allgegenwärtig erscheinende Zentrum bildet der „Neue Turm Babel“, das höchste Gebäude der Stadt. Markant aufgrund seines voluminösen Rundbaus, der stufenförmigen Ebenen, gestützt von monumentalen Säulen-Vorsprüngen und der in die Weite ragenden Luftlandeplätze nahe der Spitze des Turms. Es unterstreicht die vertikale Teilung der Gesellschaft und erinnert optisch stark an die Werke Bruegels, Desiderios und vieler anderer Künstler, die sich in vergangenen Jahrhunderten am Motiv des babylonischen Turms visuell austobten.

Der Turm beherbergt zudem die Haupt-Energieversorgung der Stadt sowie auch die Administration des, als Herren der Stadt geltenden, Unternehmers Joh Fredersen (gespielt von Alfred Abel). Aus seinem geräumigen Büro in der Spitze überblickt und steuert er die Großstadt. Diese überirdische Position von Fredersen unterstreicht seine soziale Stellung durch räumliche Anordnung. Seine zahlreichen technologischen Überwachungsinstrumente verstärken dies: Sein omnipräsenter Überblick über die gesellschaftlichen Zustände lassen ihn geradezu neo-feudal erscheinen. Sein Auftrag zur Erschaffung von kybernetischen Arbeitseinheiten als neue Lebensformen, untermalt diesen Absolutheitsanspruch zusätzlich und stellt eine klare Analogie zur Hybris Nimrods und anderer Sagengestalten dar.

Weitere Informationen zu diesem Film-Klassiker urbaner Dystopien gibt es im umfangreichen Hauptartikel zu Metropolis.

1984 (1956)

Nach der bekannten gleichnamigen Vorlage des britischen Schriftstellers George Orwell, befasste sich zur Mitte des 20. Jahrhunderts der Regisseur Michael Anderson mit einer Verfilmung jener dystopischen Vision eines totalitären Überwachungsstaates. Der 1956 erstmals aufgeführte Film handelt vom Aufbegehren der Figur des Winston Smith (gespielt von Edmond O’Brien) gegenüber der repressiven und alle sozialen Bereiche – auch Sprache und Geschichtsschreibung – umfassenden Diktatur.

Signifikant für die städtische Darstellung ist das Gebäude des “Ministry of Truth” (“Ministerium für Wahrheit”) zu Beginn des Films: Während das Gebiet des Londoner Stadtkerns weiter verfällt, wächst das Regimegebäude – in Analogie zum Turm von Babel – monumental gen Himmel.

Die Architektur ist geprägt von klassischen Formen des Hochhausbaus, insbesondere der amerikanischen Großstädte zu Beginn des 20. Jahrhunderts, jedoch offenbart der stufenförmige, nach oben hin zusammenlaufende, Aufbau der unterschiedlichen Ebenen deutliche Parallelen zu babylonischen Zikkurats. Die runden Fenster erinnern wiederum an Bullaugen von Schiffen und Unterseebooten, damals als Hochtechnologie wahrgenommen sowie durch ihre Formgebung an zahlreiche Reihen von Augen, die auf Stadt und Bewohner hernieder blicken.

Blade Runner (1982)

Der Klassiker des Cyberpunk, der 1982 uraufgeführte Film “Blade Runner”, basiert auf der Romanvorlage “Do Androids Dream of Electric Sheep?” des Schriftstellers Philip K. Dick. Der Regisseur Ridley Scott verfilmte die Handlung, die in einem fiktiven High-Tech Los Angeles des Jahres 2019 stattfindet. Der Privatdetektiv Rick Deckard (gespielt von Harrison Ford) versucht darin, im Auftrag von Regierung und Unternehmenswelt, Replikanten – auf der Erde verbotene, mittels Biotech-Verfahren erzeugte, menschenähnliche Lebensformen – aufzuspüren und zu liquidieren.

ToB - Corporate HQ in Ridley Scott's Blade Runner, 1982
Corporate HQ in Ridley Scott’s Blade Runner, 1982 [Timestamp: 00:02:52]
Das Gebäude der einflussreichen “Tyrell Corporation” bildet den Kern der Stadt und ist zugleich, neben seiner Höhe, auch von der eingenommenen Fläche her betrachtet, das monumentalste Bauwerk der im Film präsentierten Gebäude. Der stufenförmige Anstieg und die pyramidal zulaufenden Außenfassaden, erleuchtet von zahllosen Fenstern und Aufzügen, lassen die Macht der Unternehmenswelt in der dargestellten Gesellschaft augenscheinlich werden.

Dies wird unterstrichen von der Lage des Büros von Dr. Eldon Tyrell (gespielt von Joe Turkel), dem Unternehmensführer, hochrangigen Wissenschaftler und inoffiziellen Stadtherren. In der höchsten Ebene des Bauwerks gelegen, genießt Tyrell einen ähnlichen Ausblick wie sein Pendant Joh Fredersen in Metropolis. Beide stehen räumlich wie sozial an der Spitze der jeweils dargestellten Gesellschaft und beiden wohnt eine schöpferische Macht inne. Während sich dies bei Fredersen durch die in Auftrag gegebene Kreation künstlichen Lebens ausdrückt, so offenbart sich bei Tyrell das Herrschafts- und Gestaltungspotenzial sogar in der vollbrachten großindustriellen Produktion neuer Formen von semi-biologischen Lebens.

ToB - Police Station in Ridley Scott's Blade Runner, 1982
Police Station in Ridley Scott’s Blade Runner, 1982 [Timestamp: 00:10:34]
Ebenfalls auffällig ist das Gebäude der Polizeistation, in welcher Rick Deckard verkehrt: Ein hoher Rundbau, der in Form und Gestaltung augenscheinlich an das Hauptgebäude in Metropolis und somit am Turm zu Babel angelehnt ist und auf dessen Dach ebenfalls Landeplätze für Fluggeräte vorhanden sind.

Das Polizei-Gebäude wirkt zwar für sich genommen monumental, dennoch ist es klein gegenüber vielen anderen Bauten, welche das Stadtbild prägen. Es kann somit als Sinnbild der weiter verfallenden sozialen Ordnung und symbolisch für eine, stets an Einfluss verlierende, Exekutive betrachtet werden.

Brazil (1985)

Die Handlung des Films “Brazil” von Terry Gilliam umfasst den Werdegang des Bürokraten Sam Lowry (gespielt von Jonathan Pryce), der zwischen die Mühlen der übermächtigen zentralistischen Verwaltung, den Freiheitskampf von Rebellen und seinen eigenen Tagträumen gerät.

Die im Film dargestellte Stadt ist geprägt von engen, zuweilen surreal anmutenden, Hochhausschluchten. Einer der zentralen Orte ist dabei die staatliche Überwachungsbehörde, Hauptsitz einer der einflussreichsten und gefürchtetsten Institutionen unter dem herrschenden Regime: Ein monumentaler Bau mit hohen Mauern wird dargestellt, dessen stufenförmig angelegte, quaderförmige Ebenen von seitlich fixierten gen Höhe strebenden Türmen und tiefen horizontalen Einlassungen geprägt sind. Dies erinnert sowohl an babylonische wie kassitische Architektur, umfasst allerdings in Gestaltung und Form der Kuben auch Elemente nüchterner Verwaltungsbauten bürokratisch-totalitärer Regime.

Equilibrium (2002)

Die Handlung des von Regisseur Kurt Wimmer produzierten Films “Equilibrium” spielt im fiktiven totalitären Stadtstaat Libria. Entstanden nach einem verheerenden Weltkrieg, zeichnet sich der Kleinstaat durch einen rabiaten Umgang mit Emotionen und Kultur aus: Jegliche Formen von Kunst sind verboten und selbst das Empfinden von Emotionen sind illegal. Verstöße werden mit dem Tod geahndet. Für die Strafverfolgung und Verurteilung sind sogenannte “Grammaton-Kleriker”, eine paramilitärische Eliteeinheit der Regierung, zuständig. Die Hauptfigur John Preston (gespielt von Christian Bale) ist Mitglied dieser Einheit und gerät, aufgrund des unabsichtlichen Entzugs von der Emotionen unterdrückenden Droge Prozium, in Kontakt mit der ihm unbekannten Gefühls- und Gedankenwelt. Zugleich gerät er zwischen die Fronten von Obrigkeit und den im Untergrund tätigen Regimegegnern.

Tetragrammaton Building in Equilibrium, 1997 [Timestamp: 00:11:25]
Tetragrammaton Building in Equilibrium, 1997 [Timestamp: 00:11:25]
Abgesehen von den chaotischen Zuständen der ansonsten im Dunkeln belassenen Außenwelt, wird das Regime als Verehrer von Monumentalbauten dargestellt. Öffentliche Gebäude wie das sogenannte “Tetra-Grammaton” – Hauptsitz und Ausbildungsstätte der Grammaton-Kleriker und zugleich Name der herrschenden Gruppierung über Libria – zeichnet sich als massiver Rundbau und als Bauwerk aus, das von großen Torbögen, wie auch von Säulen antiker Form, geprägt ist.

Die einzigen farblichen Akzente werden lediglich durch die Hoheitsflaggen Librias gebildet: Verziert mit dem weißen Kreuz-Symbol der herrschenden Organisation, wird mit dunkelblauen Farbtönen die Dominanz der Gruppierung im ansonsten vorherrschenden Grau der Stadt ebenso unterstrichen, wie mit der Illustration des Himmels als tristen Wolkenvorhang.

Diese Gestaltungsmerkmale des Stadtbildes werden auch mit der Inszenierung des höchsten Gebäudes der Stadt, gleichlautend dem Filmtitel “Equilibrium”, ebenfalls betont. Das Bauwerk dient als Hauptverteilungs- und Verwaltungsstätte für die emotions-unterdrückende Droge Prozium. Das Gebäude wird im Rahmen der Handlung von der Figur Prestons aufgesucht: Der Blick gleitet von der, in gleißendes Sonnenlicht getauchten, Spitze, über zahlreiche uniforme Etagen und Fensterreihen, bis hin zu den flankierenden Sockeln an der Basis und den mit hohen Einbuchtungen und Wänden versehenen Eingangsbereich des Gebäudes.

Tower of Babylon - Equilibrium Building in eponymous film, 1997 [Timestamp 00:23:25 - 00:23:38, image montage by Planet Dystopia]
Equilibrium Building in the eponymous movie “Equilibrium”, 1997 [Timestamp 00:23:25 – 00:23:38, image montage by Planet Dystopia]
Durch die am Bauwerk von der Spitze bis zum Bodensegment gleitende Kameraführung wird der Zuschauer in die Ego-Perspektive Prestons versetzt und kann somit die imposante Größe des Baus in Augenschein nehmen. Diese Kombination von monumentaler Architektur und individueller Perspektive unterstreicht zugleich die möglichen Intentionen Wimmers und seines Design-Teams, Parallelen zu früheren filmischen wie künstlerischen Werken dystopischer Motive herzustellen und antike Motive neu zu adaptieren.

Fazit

Die mediale Verwendung visueller Stilelemente Babylons steht für ein epochen- und kulturübergreifendes Phänomen. Es ist eine Geschichte der Faszination von Gelehrten vieler Professionen und Kulturschaffenden zahlreicher Richtungen.

Ausgehend von mythologischen Überlieferungen aus einer im Dunkel der Zeit befindlichen Ära, über die frühen Malereien der nicht minder unruhigen Zeiten des Mittelalters und Werken zu Zeiten der umbruchartigen Industrialisierung, bis hin zu filmischen Adaptionen der turbulenten und beschleunigten Moderne.

Die Verwendung spiegelt nicht nur Motive und visuelle Parallelen wider – unabhängig von Zeit und Kultur können viele Facetten immer wieder neu entdeckt und an neue zeitgenössische Situationen angepasst werden. Die ständige Rekombination bekannter Elemente und ihre Popularität sind nicht nur auf die Faulheit mancher Medienschaffenden zurückzuführen, sondern auch darauf, dass einige grundsätzliche Fragen gestellt und manchmal gar versucht wird, sie zu beantworten:

Fragen des Umgangs mit neuen Technologien und beschleunigter Urbanisierung. Fragen, die sich um soziale und ökonomische Macht- und Herrschaftsstrukturen drehen – das Oben und Unten (bildlich wie wörtlich). Fragen, die das Selbstverständnis der Menschheit berühren und die Grenzen zwischen individueller Selbstverwirklichung und gesellschaftlichen Zielen verwischen. Woher wir kommen, wohin wir gehen – auf jeder Wahrnehmungsebene.

Ausgehend von dieser Kombination von Fragen wird die fundamentale Bedeutung babylonischer Motive für urban-dystopische Werke weiter wachsen.

JHS

 

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  1. Vgl. Oates, J.: Babylon. Stadt und Reich im Brennpunkt des Alten Orient. Bergisch-Gladbach: G. Lübbe, 1983. S. 11ff
  2. Vgl. Ebd., S. 94f & S.99f
  3. Vgl. Ebd., S. 155ff
  4. Vgl. Oates 1983., S. 230f ; Allinger-Csollich: Der Turm von Babel. Idee und Nachleben. In: M. Wullen, G. Schauerte, & H. Strzoda (Hrsg.): Babylon. Mythos und Wahrheit. (Bd. 2). Berlin ; München: Hirmer, 2008. S. 573
  5. Vgl. Oates 1983, S. 188
  6. Vgl. Ebd., S. 118f ; Allinger-Csollich, S. 578
  7. Vgl. Wullen, M.: Mythos Babylon. In: : M. Wullen, G. Schauerte, & H. Strzoda (Hrsg.), Babylon. Mythos und Wahrheit. (Bd. 1). Berlin; München: Hirmer, 2008. S. 11ff
  8. Vgl. Van der Veen, P. & Zerbst, U.: “…wie Nimrod, ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn!” Ist der biblische Nimrod eine historische Persönlichkeit? In: Studium Integrale Journal (Ausgabe 2). Baiersbronn, 2000., S. 75-80.
  9. Strozda, H. & Wullen, M.: Turm. In: M. Wullen, G. Schauerte, & H. Strzoda (Hrsg.), Babylon. Mythos und Wahrheit. (Bd. 1). Berlin ; München: Hirmer, 2008. S. 85
  10. Vgl. Rissi, M.: Die Hure Babylon und die Verführung der Heiligen. Eine Studie zur Apokalypse des Johannes. Stuttgart; Berlin; Köln: W. Kohlhammer, 1995. S. 49f
  11. Vgl. Strozda & Wullen 2008, S. 85ff
  12. Vgl. Engel, H.: Turm zu Babel. In: M. Wullen, G. Schauerte, & H. Strzoda (Hrsg.): Babylon. Mythos und Wahrheit. (Bd. 1). Berlin ; München: Hirmer, 2008. S. 87

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