Startseite > Blog > Definition: Dystopie
Definition Dystopia / Dystopie

Definition: Dystopie

Startseite » Blog » Definitionen » Definition: Dystopie

 

Einleitung

Definitionen sind schon etwas Feines – der Versuch, der klaren und präzisen Bestimmung eines Begriffs bzw. einer gedanklichen Einheit. Dies gilt ebenfalls für das Hauptthema dieser Seite und der verschiedenen Medien die ich rezensiere, dem Begriff der Dystopie.

Als Basis des in diesem Beitrag gebotenen Überblicks dient ein Abschnitt aus der Abschlussarbeit meines – vor gefühlten Äonen abgeschlossenen – medienwissenschaftlichen Studiums, in dem ich mich ebenfalls an die Definition der Dystopie gewagt habe. Falls ihr keine Fans von wissenschaftlichen Texten seid, sei gleich gesagt, dass sich der Lesespaß in Grenzen halten wird. Falls ihr euch jedoch für eine tiefere medienwissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Ursprüngen des Themas interessiert, werdet ihr hier fündig.

Als kleinen Service und sinnvolle Ergänzung habe ich auch die literarischen Fußnoten vollständig von meinem damaligen Werk übernommen und den Beitrag zusätzlich mit Wikipedia-Links zu historischen Personen und Begriffen ergänzt – für all diejenigen von euch, die noch ein paar Ebenen tiefer in die Materie eintauchen wollen.

Dystopie als Gegenstück zur Utopie

Abgesehen vom durchaus lehrreichen Wikipedia-Artikel zum Thema Dystopie, der insbesondere den gesellschaftstheoretischen Kontext bzw. den Fokus auf die literarische Nutzung in den Vordergrund stellt, möchte ich euch an dieser Stelle zugleich eine kurze eigene Variante der Begriffsdefinition, fernab vom jeweils genutzten Medium, als Einstieg anbieten:

Eine Dystopie ist ein fiktionales, in der Zukunft angesiedeltes, pessimistisches Szenario einer Gesellschaft, welche sich oftmals in extremen Formen dem Negativen zuwendet.

Zur Definition des Begriffes Dystopie ist zunächst ein Blick auf sein positives Pendant zu richten – die Utopie. Sie wurde geprägt durch den Briten Sir Thomas Morus (1478–1535) und sein literarisches Werk Utopia (1516), in dem er ein fiktives und idealisiertes Gemeinwesen auf Basis von Normen und Wunschvorstellungen innerhalb europäischer Verhältnisse des 16. Jahrhunderts beschreibt.1

Dystopie als Reaktion auf Modernisierungswellen

Allerdings sind derartige Fiktionen bereits früh in der menschlichen Kulturgeschichte zu finden, sei es in den idealisierten Vorstellungen Platons (4. Jh. v. Chr.), speziell seiner Politeia oder, zeitlich noch weiter in die Vergangenheit hinein reichend, in den Sagenvorstellungen, die die Visionen von einem „Goldenen Zeitalter“ umschreiben.2

Die negative Ausprägung der Merkmale dieser Zukunftsvorstellungen, die Dystopie (auch: Anti-Utopie), erlangte erst im 19. und vor allem 20. Jahrhundert – trotz einer, prinzipiell seit der Antike bestehenden, utopiekritischen Literaturtradition3 – ihre Stellung als „dominanten Variante der Utopie“4.

Im Zuge der sozialen und technologischen Umbrüche der fortschreitenden Industriellen Revolution wurden Utopien wie auch Dystopien, aufgrund der ihnen innewohnenden Diskussionspunkte wie dem Spannungsfeld zwischen den Rechten des Individuums und der Gleichheit aller, zeitspezifisch re-interpretiert und neu-formuliert.5

“Utopie-kritische Anti-Utopien” versus “gesellschaftskritische Dystopien”

Die sporadisch in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen getroffene Unterscheidung zwischen utopie-kritischen Anti-Utopien und gesellschaftskritischen Dystopien offenbart sich in der Praxis der Analyse kultureller Werke oft als schwierig.6 Daher erfolgt zumeist eine synonyme Verwendung der Begriffe. Beide beschreiben vielfältig sowohl alternative Gesellschaftsformen, welche konträr zu heutigen sozialen und politischen Ordnungen präsentiert werden, als auch einzelne, als kritisch angesehene, gesellschaftliche Prozesse der Gegenwart, die in eine spezifische Zukunft oder auf parallele Welten extrapoliert werden. Dies gestaltet den Übergang zwischen beiden Formen fließend.7

Soziale & Technologische Entwicklungen als mediale Nachbrenner von Dystopien

Der warnende Charakter dystopischer Erzählungen vor greifbaren sozialen Entwicklungen und ihrer möglichen Verwerfungen offenbart sich infolgedessen oft im Spannungsverhältnis zwischen dem Menschen und seiner Umwelt: Aufgrund anhaltender Technisierung und Zweckrationalisierung von Lebensbedingungen wie -umständen, nimmt eine künstliche Lebenswelt den Platz der Natur ein.8

Die daraus resultierende Auseinandersetzung über den gesellschaftlichen Umgang mit den Folgen von Forschung und Technisierung, Industrialismus und Produktion9, lässt die kulturelle Verarbeitung von prinzipiell synthetisch-geprägten Terrains urbaner Siedlungen als thematische Inspirationsquellen konsequent und folgerichtig erscheinen.

Die entsprechende Bedeutung von Dystopien für filmische Werke beschreibt Tormin anhand der technologischen Rüstungsfortschritte und der kriegerischen Auseinandersetzungen und Konflikte des 20. Jahrhunderts, als gesamtgesellschaftliche Tendenzen wie Wahrnehmungen aufzeigende „Dystopische Zukunftsprojektionen, z.B. im Gewand von mehr oder weniger verschlüsselten politischen Warnungen oder in der Form von nihilistisch-apokalyptischen Spektakeln […]“10.

JHS

  1. Erzgräber, W. (1980): Utopie und Anti-Utopie in der englischen Literatur. München: W. Fink. S. 13f
  2. Haufschild, T. & Hanenberger, N. (1993): Literarische Utopien und Anti-Utopien. Eine vergleichende Betrachtung. Wetzlar: Förderkreis Phantastik in Wetzlar. S. 15
  3. Zeißler, E. (2008): Dunkle Welten. Die Dystopie auf dem Weg ins 21. Jahrhundert. Marburg: Tectum. S. 15
  4. Inderst, R. (2007): Antinationalsozialistische Dystopien. Literarische Fiktionen des Totalitarismus. Saarbrücken: VDM. S. 19
  5. Hachtel, J. (2007): Die Entwicklung des Genres Antiutopie. Aldous Huxley, Margaret Atwood, Scott McBain und der Film „Das Leben der Anderen“. Marburg: Tectum. S. 19ff; Nöske, T. (1997): Clockwork Orwell. Über die kulturelle Wirklichkeit negativ-utopischer Science Fiction. München: Unrast. S. 98
  6. Vgl. Zeißler 2008, S. 17
  7. Vgl. Ebd., S. 31
  8. Vgl. Nöske 1997, S. 97
  9. Vgl. Haufschild & Hanenberger 1993, S. 51 ; Zeißler 2008, S. 24
  10. Tormin, U. (1996): Alptraum Großstadt. Urbane Dystopien in ausgewählten Science Fiction-Filmen. (G. Hoefer, Hrsg.) Alfeld: Coppi. S. 11

Check Also

Planet Dystopia - First Month

Planet Dystopia: Der 1. Monat

Ein Monat Planet Dystopia – Rückblick & Vorschau, was war & was wird. Ideensammlung für die Zukunft und dystopische Grüße zum Jahresende.

Kommentar verfassen