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Definition Cyberpunk

Einleitung

Während der Recherchen für meine Reviews von Deus Ex und der Takeshi Kovacs-Serie wurde mir schnell bewusst, dass ich recht bald eine umfassende Definition für das SciFi-Subgenre “Cyberpunk” schreiben würde. Obwohl ich seit Jahrzehnten mit verschiedenen SciFi-Themen vertraut bin, war ich noch nie in der Situation, für am Thema interessierte Personen, eine tiefgehende Antwort auf die Frage “Was ist Cyberpunk?” zu finden. Es erschien mir zunächst eine recht einfache Frage zu sein.

“Komm schon, es ist ein Subgenre von SciFi, davon mal abgesehen brauchst nur die Gemeinsamkeiten bei Themen, Plot und die Hintergründe davon aufzeigen. Dann baust noch ‘ne Liste der allgemein bekannten Werke ein und schon bist fertig” kam mir in den Sinn. Oh, wie falsch ich mit dieser Einschätzung lag… Um auch nur eine ungefähre Antwort zu finden, die dem Thema näher kommt und halbwegs gerecht wird, erkannte ich, dass es eines komplexen, vielschichtigen Ansatzes bedarf.

Passende Antworten können sich fast jedes Mal ändern, wenn man sich genauer mit dem Thema Cyberpunk befasst. Die Tatsache, dass dieses Subgenre von SciFi nicht nur mehrere hundert verschiedene literarische Interpretationen hervorgebracht hat, sondern auch in Filmen, (Video-)Spielen und allen Arten von kulturellen Medien im Allgemeinen vorkommt und jeweils adaptiert wurde, ist eine Sache.

Das andere Sache ist die, dass seit der Entstehung des Cyberpunk in den frühen 1980er Jahren Teile der Gesellschaft und sogar ganze Lebensstile davon beeinflusst worden sind. Cyberpunk ist erheblich größer geworden, als nur ein Subgenre von SciFi zu sein. Es bildet eine ganze Subkultur die viele Menschen und Medien umfasst.

Umfang und von Cyberpunk geprägte Inhalte und Bereiche, sowie deren Einflüsse, ändern sich beständig (wie es auch Vorstellungen über Zukunft im Allgemeinen gerne tun). Im Rahmen dieses Artikels wird versucht, einen Überblick über dieses Phänomen und seine verschiedenen Ableger im Allgemeinen zu bieten.

Gemeinsam werden wir die etymologischen Ursprünge näher betrachten sowie die ersten literarischen Werke des Genres sichten und ihre Übergänge zu anderen kulturellen Medien beobachten. Zugleich werden wir uns alternativen zeitgenössischen Lebensweisen und (Sub-)Kulturen zuwenden, die von den oben genannten Aspekten inspiriert worden sind. Also schnallt euch besser an, ich wünsche viel Spaß!

Cyberpunk Intro

Etymologischer Ursprung des Cyberpunks

Um zum Kern eines Begriffs / einer mentalen Einheit zu gelangen, ist es immer eine gute Idee, tiefer zu gehen und direkt auf die etymologischen Wurzeln eines Wortgebildes zu blicken und auf ihre historische Entwicklung zu achten. Lasst uns also einen kurzen Blick darauf werfen, wie die beiden Teile des Begriffs “Cyberpunk”, “Cyber” und “Punk”, entstanden sind und wie sie sich im Laufe der Zeit entwickelt haben.

“Cyber”

Der Begriff “Cyber” betrat erstmals in den 1940er Jahren auf dem aufstrebenden Gebiet der Kybernetik die Wortbühne. Die Kybernetik befasst sich mit der Erforschung von Kommunikations- und Kontrollsystemen in biologischen Systemen und im Ingenieurwesen.1

In den folgenden Jahren sorgten die wachsenden Felder der Informatik, Biologie und Ingenieurwesen dafür, dass dem Begriff “kybernetisch” ein futuristischer Glanz verliehen. Diese, zunächst überwiegend positiven, Konnotationen führten in den 1950er und 1960er Jahren zu verschiedenen Anhängen an andere Wörter, die gewöhnlich mit der Mischung biologischer und synthetischer Elemente assoziiert sind.2

Die davon beständigste und bis heute gebräuchlichste Variante dieser Wortkombinationen aus den frühen 1960er Jahren ist jedoch zweifellos “Cyborg”, eine Kombination des “Cyb-” von Cyber ​​mit dem “Org” des Organismus. Es bezieht sich auf ein hybrides Wesen, eine “Mensch-Maschine”, mit synthetisch verbesserten Fähigkeiten zur Selbstanpassung an neue Umgebungen.3

Ein weiterer, ebenfalls allgemein bekannter Begriff ist “Cyberspace”, der von William Gibson (ein wichtiger Cyberpunk-Autor, auf den ich später in diesem Artikel genauer eingehen werde) in seiner SciFi-Anthologie “Burning Chrome” von 1982 geprägt wurde. Der Begriff ist als Beschreibung des Raums der virtuellen Realität gedacht – die fiktive und doch reale Umgebung, in der die Kommunikation über Computernetze stattfindet.

Heutzutage wird “Cyber” nicht nur für kybernetische Erweiterungen des Körpers oder der ausgedehnten virtuellen Räume des Internets verwendet. Sie kann sich auch auf andere aufstrebende und diversifizierte technologische Bereiche beziehen, wie z.B. fortschrittliche Biotechnologie, Nanotechnologie und / oder vernetzte Robotik.

Falls Interesse an Informationen über die historische Entwicklung des Begriffs “Cyber” besteht: Taylor Coe von den Oxford Dictionaries veröffentlichte 2015 einen großartigen Blogpost (engl.), der speziell die Ursprünge von “Cyber” und seine sich ständig verändernden Konnotationen in kulturellen Medien und Wissenschaften in den letzten Jahrzehnten analysiert.

“Punk”

Das Wort “Punk” wurde in den 1970er Jahren durch die Punkrock-Musikszene der damaligen Zeit allgemein gebräuchlich. In diesem Zusammenhang wurde es von Musik-Kritikern zum ersten Mal verwendet, um die damaligen Garagen-Bands und ihre Anhänger zu beschreiben. Der Begriff selbst hatte jedoch schon eine lange und durchaus mannigfaltige Geschichte:

Erstmals im 16. Jahrhundert auftauchend, war “Punk” zunächst eine Bezeichnung für Prostituierte und implizierte danach verschiedene sexuelle Konnotationen. In den darauf folgenden Jahrhunderten wurde es mehr oder weniger dafür verwendet, alle Arten von Ausgestoßenen und Außenseitern, verschiedene Formen von Kriminellen, Visionären sowie Abweichler und soziale Grenzgänger im Allgemeinen zu benennen, bevor es von den Musikfans der 1970er Jahre wiederentdeckt wurde.4

Die Verherrlichung des subversiven Charakters der erwähnten Gruppen ist ein Grundgedanke, den viele der damaligen Fans und diejenigen beeindruckt hat, die sich für den damit verbundenen Lebensstil entschieden hatten. “Punk” bedeutet in diesem Kontext und analog zur Subversion das Hinterfragen und Untergraben bestehender Machtstrukturen sowie von Autorität im Allgemeinen.

“Cyber” + “Punk” = “Cyberpunk”

Die Verschmelzung beider Begriffe zu “Cyberpunk” wurde ursprünglich von dem amerikanischen Autor Bruce Bethke in seiner gleichnamigen Kurzgeschichte (engl.) aus dem Jahr 1980 geprägt. Vorgesehen als Label für eine neue Generation technisch affiner Teenager, inspiriert von den inhärenten Wahrnehmungen des beginnenden Zeitalters der Information und Digitalisierung, entstand diese Wortkombination als eigenständiger Begriff genau an dieser Stelle.

Das Wort “Cyber”, welches sich auf die sich rasch entwickelnden, modernen Hochtechnologien, wie beispielsweise fortgeschrittene Bio- und Nanotechnologie bezieht und “Punk” als Hinweis auf Subversion und rebellisches Verhalten gegen autoritäre Systeme, ist die Bühne für die Themenwelten von “Cyberpunk” vorbereitet.

Allgemeine Themen des Cyberpunk

Der am leichtesten zugängliche Aspekt von Cyberpunk ist das literarische Subgenre von SciFi, das den Einsatz fortschrittlicher Technologien in einer düsteren und morbiden, großstädtischen dystopischen Umgebung der Zukunft darstellt. Cyberpunk nimmt im Wesentlichen zeitgenössische soziale und technologische Trends auf und treibt sie an ihre logischen Grenzen und manchmal sogar darüber hinaus.

Einflussreiche multinationale Megakonzerne dominieren die Gesellschaft, was eine hohe Aggregation von Wohlstand, Beschleunigung von Umweltzerstörung und den Verfall urbanen Lebensraums zur Folge hat. Die Ausbreitung asiatischer Populärkultur und die Auflösung ehemals abgegrenzter kultureller Identitäten vertieft sich.

Die oft rapide beschleunigte Urbanisierung dehnt sich ebenfalls weiter aus, wenn Menschen in der Hoffnung auf die Chance auf eine bessere Zukunft in die Städte strömen. Drogen und Kriminalität bieten dabei für viele die größte Hoffnung, ihre Form von Glück zu suchen und zu erreichen. Darüber hinaus beginnt die Grenze zwischen Mensch und Maschine zu verblassen. Aufgrund der starken Nutzung der aufstrebenden Biotechnologien und Nanotechnologien sowie der Verbreitung der vernetzten Digitalisierung, verschwimmen die Ränder von Biologie und Synthetik. All dies gipfelt visuell in der Ästhetik der “neonfarbenen Großstadtlichter bei Nacht”, die in den meisten Cyberpunk-Werken und -Stilen wieder zu finden ist.

Um die Gemeinsamkeiten von Cyberpunk-Themen kurz und bündig zusammenzufassen:

High Tech, Low Life.
(Hohe Technologie, niedriges Leben.)

Cyberpunk in Kulturellen Medien

Im Laufe der Jahre hat sich Cyberpunk auf alle Arten von kulturellen Medien verbreitet und nicht nur ein einfaches Subgenre von SciFi gebildet, sondern eine ganze Subkultur geschaffen. Es gibt verschiedenste Romane, Filme und (Video-)Spiele aller Art, die Cyberpunk-Themen behandeln. Auch der teilweise Gebrauch von Elementen aus diesen ist in den kulturellen Medien zahlreich.

Die hier erwähnten Werke sind bei weitem nicht alles, was es da draußen zu finden gibt. Die folgenden Abschnitte bilden keine erschöpfende Liste von Cyberpunk-Medienwerken, da es noch wesentlich mehr zu entdecken gibt. Betrachtet dies als einen nützlichen Ausgangspunkt mit exemplarischen Werken des Subgenres. Quasi eine nützliche Liste an Anregungen, falls ihr Inspiration für das nächste Dauer-Lesen/-Schauen/-Spielen sammeln möchtet.

Cyberpunk Literatur

Wenn man den Anfang des Genres und der Subkultur von Cyberpunk sucht und dafür gerne einer einzelnen Person und ihrer kreativen Arbeit die Lorbeeren aufsetzen möchte, führt einen dies direkt zum Autor William Gibson. Sein Roman “Neuromancer” von 1984 kann als der Archetyp des Cyberpunk angesehen werden. Es hat den Standard für alle Medienwerke gesetzt, die seinen Spuren folgen.

Auch Gibsons “Bridge Trilogie”, bestehend aus “Virtual Light” (1993), “Idoru” (1996) und “All Tomorrow’s Parties” (1999), kann als klassischer Cyberpunk bezeichnet werden. Weitere Titel von William Gibson sind z.B. “Count Zero” (1986), “Mona Lisa” (1988) und “Pattern Recognition” (2003). Seine “Burning Chrome” Anthologie von 1982, die “Neuromancer” um 2 Jahre vordatiert ist, kann auch als Pionierarbeit betrachtet werden und hat den Boden für den Aufstieg von Cyberpunk als SciFi-Genre bereitet. Die Anthologie enthält auch die Kurzgeschichte “Johnny Mnemonic”, die 1995 eine Hollywood-Adaption mit Keanu Reeves in der Hauptrolle erhielt.

In der gleichen Ära wie Gibson, ist der Autor Bruce Sterling ebenfalls ein bekannter Name der Autoren-Zunft. Seine “Mirrorshades: The Cyberpunk Anthology” (1986) enthält eigene Kurzgeschichten sowie die von weiteren Autoren, die sich auf die dystopischen Themen des Cyberpunk konzentrieren. Andere bemerkenswerte Werke von ihm, die sich auf das Thema beziehen, sind “Islands in the Net” (1988), “Holy Fire” (1996) und “Zeitgeist” (2000).

Bruce Bethke, als Vater des Begriffs “Cyberpunk”, ist auch für das Subgenre und die Richtung, die es als Subkultur einnahm, von Bedeutung. Neben seiner gleichnamigen Kurzgeschichte, die ich bereits im Abschnitt zur Etymologie erwähnt habe, schrieb er z.B. “Headcrash” (1995) und “Rebel Moon” (1996).

Der Autor Rudy Rucker wiederum schrieb eine bemerkenswerte vierteilige Cyberpunk-Serie, bestehend aus “Software” (1982), “Wetware” (1988), “Freeware” (1997) und “Realware” (2000). Die Serie wurde vor geraumer Zeit auch als einbändiges Taschenbuch mit dem Titel “The Ware Tetralogy” (2010) veröffentlicht.

Eine weitere bemerkenswerte Autorin des frühen Cyberpunk ist Pat Cadigan, bekannt für ihre Romane “Mindplayers” (1987) und “Synners” (1991), “Fools” (1992) und “Tea From a Empty Cup” (1998). Richard Kadreys “Metrophage” (1988) und Neal Stephensons “Snow Crash” (1992) können ebenfalls als relevante Werke eingestuft werden.

Stets einen genaueren Blick wert ist Richard K. Morgans “Takeshi Kovacs-Serie, bestehend aus “Altered Carbon” (2002), “Broken Angels” (2003) und “Woken Furies” (2005). Wer an einer Übersicht zu dieser Trilogie interessiert ist, kann sich meine Rezension der Reihe zu Gemüte führen. Richard Morgan hat auch das bemerkenswerte Buch “Market Forces” (2004) geschrieben, welches eine starke Cyberpunk-Atmosphäre hat und – als interessante Neuerung im Genre – die Handlung aus der Perspektive eines Angestellten eines globalen Mega-Konzerns schildert.

Cory Doctorow schrieb die Kurzgeschichtensammlung “A Place So Foreign und Eight More” (2003), “Little Brother” (2008) und verfasste auch “The Rapture of the Nerds” (2012) – ein Werk mit Singularitäts-Bezug und entstanden in Zusammenarbeit mit Charles Stross (welcher auch bekannt für “Halting State” von 2007 ist).

Eine weitere zeitgenössische Arbeit ist “Moxyland” (2008) von Lauren Beukes, das eine bislang einzigartige Perspektive bietet, da sie in einer futuristischen Version von Kapstadt, Südafrika, spielt.

Cyberpunk Filme

In Bezug auf filmische Adaptionen von Cyberpunk führt kein Weg am ersten “Blade Runner” von 1982 vorbei, der von Ridley Scott gedreht wurde und in dem Harrison Ford sowie Rutger Hauer mitwirken. In einer düsteren Zukunft mit überbevölkerten, verfallenden städtischen Zentren spielend, wird Blade Runner als der Archetyp für alle ähnlichen audiovisuellen Medienwerke betrachtet, die darauf folgten. Sein Set